Ein Leben für die Kräuterheilkunde
Interview mit Monica Müller – Die vierte Generation der Kolakowski-Tradition
Die Kolakowski-Salbe ist ein traditionelles Naturheilmittel aus Herisau im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Die Salbe wird seit über 110 Jahren nach einer alten Rezeptur hergestellt und hat über die Jahrzehnte eine treue Anhängerschaft gefunden.
In diesem Artikel erzählt Monica Müller, Naturheilpraktikerin und vierte Generation der Familie Kolakowski, die Geschichte ihres Urgrossonkels Dr. Franz von Kolakowski und wie die Salbe bis heute in der Familie weitergegeben wird.
In ihrem gemütlichen Wohnzimmer mit Blick auf den majestätischen Säntis sitzt Monica Müller und schaut zurück auf ein bewegtes Leben. Die Naturheilpraktikerin wird dieses Jahr 85 Jahre alt und hat sich entschieden, nun langsam in den Ruhestand zu treten. Bei einer Tasse Kaffee erzählt sie mit klarer Stimme und leuchtenden Augen die Geschichte ihrer Familie – die Geschichte von Dr. Franz von Kolakowski und seiner berühmten Kolakowski-Salbe. Geschichte von Dr. Franz von Kolakowski
Im Jahr 1911 liess sich ein aussergewöhnlicher Mann in Herisau nieder und legte den Grundstein für ein Schweizer Familienunternehmen, das heute in der vierten Generation steht. Dr. Franz von Kolakowski, Naturheiler, Arzt und Visionär, brachte aus seiner polnischen Heimat ein uraltes Wissen mit, das er in den Appenzeller Hügeln zu etwas ganz Eigenem formte.
Franz von Kolakowski stammte aus Krakau in Polen. Dort war die Kräuterheilkunde seit Jahrhunderten tief verwurzelt. Sein Vater war selbst Kräuterkenner, und in Krakau gibt es bis heute das Museum der Pharmakologie, das die alten Zubereitungsmethoden lebendig hält. Krakau lag nicht direkt an der Seidenstrasse, doch am Bernsteinweg – jenem Handelsweg, der asiatisches Heilwissen über die Ostsee und durch Mitteleuropa trug. Dieses Erbe trug Franz in sich, als er nach dem Medizinstudium in Polen den Entschluss fasste, in die Schweiz zu ziehen.


Schon bald zog es ihn nach Herisau im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Hier waren die Vorschriften für Naturheilmittel liberaler als anderswo – Appenzell war damals ein wahres Mekka für Kräuter- und Naturheilbetriebe. 1911 eröffnete Franz in Herisau seine Praxis und begann, eigene Rezepturen zu entwickeln.
Er war ein echter Mann von Welt: grossgewachsen, mit kunstvoll gezwirbeltem Schnurrbart, elegant gekleidet und oft mit seinem hölzernen Spazierstock mit Silberknauf unterwegs. In Herisau lebte er in dem stilvollen Haus an der Melonenstrasse 4, direkt gegenüber dem Bahnhof. Die Lage war ideal – Patienten fanden den Weg leicht, und in dieser Gegend hatten mehrere Naturheiler und Drogerien ihre Geschäfte. Im selben Gebäude befand sich nicht nur die Praxis, sondern auch die kleine Fabrikation. Auf alten Fotografien sieht man das Haus mit wildem Wein bewachsen und das Schild «Drogerie» an der Fassade.
Er heiratete die schöne Schweizerin Marie Stöckli.

Gemeinsam bauten sie das Geschäft auf. Franz formulierte die Rezeptur für seine bekanntesten Produkte: das Lungenelixier, das Nieren-Blasen- und das Nervenelixier, sowie die Kolakowski-Salbe. Die Herstellung war damals noch Handarbeit: Kräuter wurden direkt vor Ort gekocht, Elixiere in kleinen Chargen angesetzt. Die Kolakowski-Salbe enthielt unter anderem Wismut und Kamillenextrakt, eine typische Mischung aus biochemischen und pflanzlichen Elementen der damaligen Zeit. Die Produkte wurden schnell beliebt und machten den Namen Kolakowski in der ganzen Region bekannt.


Die Weitergabe in der Familie

Franz von Kolakowski starb 1929. Seine Witwe Frau Marie Kolakowski, eine starke und fromme Frau, führte das Geschäft und bewahrte die Rezepturen treu. Die kinderlose Marie Kolakowski wurde zur respektierten und bestimmenden Figur der Familie – sie behielt die Fäden fest in der Hand, begleitete die Wahl der Ehepartner ihrer Nichten und Neffen und prägte das Familienleben nachhaltig.
Sofie Kobel
Als junge Frau arbeitete Sofie Kobel bei ihrer Tante Marie in der Drogerie, später, nachdem die eigenen Kinder gross waren, kehrte sie nach Herisau zurück und übernahm schliesslich die Leitung des Geschäfts. Im Herzen blieb sie jedoch immer das bewundernde Mädchen, das zum Onkel aufgeschaut hatte. Bis ins hohe Alter stellte die humorvolle und herzensgute Sofie regelmässig ein kleines Blumensträusschen für «ihren» Doktor auf – eine stille, liebevolle Geste, die zeigte, wie lebendig das Andenken an Franz von Kolakowski in ihr geblieben war.

Sofie wohnte selbst im Haus an der Melonenstrasse und führte dort ihre eigene kleine Kräuter «Apotheke»: ein Zimmer mit Regalen wo schöne, hellgraue Blechdosen mit Kräutern gefüllt dufteten. Der Duft war intensiv – Bockshornkleesamen und Orangenöl, verschiedene Heilpflanzen und die Aromen frisch angesetzter Elixiere erfüllten das Haus.
Sofie kochte die Elixiere noch lange selbst und rührte die Salbe in einem grossen Mörser.
Besonders das Lungenelixier war ein Schatz: ein tiefdunkles, fast schwarzes Gebräu mit einem kräftigen, komplexen Geschmack. Für die Kinder und Enkelkinder mischte sie manchmal etwas Thymiansirup darunter, damit es milder wurde. Ein Löffel dieses kostbaren dunklen Elixiers wurde andächtig geschlürft, ein Ritual – man spürte förmlich die Kraft der vielen Kräuter.
Besondere Zutaten wie grüne, unreife Tannenzapfen waren schwer zu beschaffen. Sofie konnte sehr charmant sein und Förster die sie bewunderten, brachten ihr manchmal Zapfen von frisch gefällten Bäumen. Als Kind erinnert sich Monica noch gut, wie die harzigen Zapfen mit dem Beil zerkleinert und in dunkeln grossen Glasflaschen mit Alkohol angesetzt wurden.
Monica Müller – Die vierte Generation
Sofie war die Mutter von Monica Müller, der heutigen Naturheilpraktikerin und vierten Generation.
Die Kolakowski-Salbe blieb das Flaggschiff – und wird bis heute von Monica Müller verkauft.
Monica Müller ist die Tochter von Sofie Kobel, die während vieler Jahrzehnte die Kolakowski-Produkte – vor allem die Salbe und die Elixiere – mit grosser Hingabe verkaufte. Sofie Kobel war in der Appenzeller Naturheiler-Szene bestens bekannt und beliebt. Viele alte Kräuterheiler kamen zu ihr in die Apotheke, um Kräuter zu kaufen. Es waren noch echte Originale darunter: barfuss gehende Heiler, die nicht nur Menschen, sondern auch Kühe und anderes Vieh behandelten. Einer von ihnen, der legendäre Herr R., trug die braunen Appenzeller Hosen, sprach einen markanten Innerrhoder Dialekt und soll einmal sogar nach Amerika geflogen sein, um einen Hollywood-Star zu behandeln.
Die Kolakowski-Salbe war schon damals das Herzstück des Unternehmens. Eine blaue, biochemisch-pflanzliche Zubereitung mit Lanolin und Wismut, die angenehm duftete und seit Jahrzehnten von vielen treuen Kunden geschätzt wird. Sie fand Anwendung bei Wunden und offenen Beinen und gehörte zum festen Bestand der traditionellen Hausapotheke in der Region.
Monica und ihre Schwestern wuchsen im Rheintal auf. Als Teenager lebte sie kurz in Herisau, als ihre Mutter Sofie das Kolakowski-Geschäft in den 60er Jahren übernahm. Später verbrachte sie viele Jahre in Zürich, wo sie heiratete und ihre Kinder grosszog. 1992 kehrte sie nach Herisau zurück, absolvierte die anspruchsvolle Prüfung zur Naturheilpraktikerin und führte das Familienunternehmen weiter. Heute blickt sie mit grosser Zufriedenheit auf diese Jahre zurück. Sie möchte die Ursprünge der Kolakowski-Tradition bewahren und hofft, dass die Kolakowski-Salbe bald eine Schweizer Arzneimittelzulassung erhält, damit die fünfte Generation das Erbe weiterführen kann.
In ihrer Freizeit fährt Monica gerne mit ihrem E-Bike durch die Gegend – oft rund um Herisau oder hinunter an den Bodensee.
Die Produktion wurde später an einen modernen Hersteller in Herisau übergeben. Die Elixiere werden heute nicht mehr hergestellt, doch Monica Müller hofft, dass die Tradition erhalten bleibt.

